Impliziter und expliziter Rassismus in Nachrichtenmedien und sozialen Medien

Projektleiter/innen Dr. Chung-hong Chan, Prof. Dr. Hartmut Wessler, Dr. Philipp Müller Mitarbeiter/innen Dr. Rainer Freudenthaler, M.A. Katharina Ludwig BMFSFJ-gefördert 2022 – 2025

Forschungsfrage/Ziel:

Das Projekt untersucht impliziten und expliziten Rassismus in der medialen Öffentlichkeit (etablierte Nachrichtenmedien, Alternativmedien, soziale Netzwerke) in Deutschland und dessen Wirkung auf rassistische Stereotype in der Bevölkerung. Dabei bauen wir auf einem Kurzprojekt auf, welches in der ersten Runde des DeZIM-Rassismusmonitors gefördert wurde. Im Rahmen dieser Förderung haben wir erfolgreich Instrumente zur automatisierten Messung expliziter und impliziter gruppenbezogener Stigmatisierungen in der Berichterstattung ausgewählter Leitmedien entwickelt. Hierauf basierend werden wir nun in einem möglichst breiten Zugriff die gesamte mediale Öffentlichkeit in Deutschland abbilden. Dabei untersuchen wir folgende Fragestellungen:

  1. Welche ethnisch, kulturell oder religiös definierten Gruppen werden in welchen Bereichen der medialen Öffentlichkeit in welchem Ausmaß explizit und implizit negativ konnotiert?
  2. Wie unterschiedet sich die implizite und explizite emotionale Tonalität der Berichterstattung über Gruppen in etablierten Medien, alternativen Medien und sozialen Medien?
  3. In welchen thematischen Kontexten kommen besonders viele explizite und implizite negative Assoziationen gegenüber bestimmten Gruppen vor?
  4. Wie wirkt sich die Stärke impliziter und expliziter negativer Assoziationen in der medialen Öffentlichkeit auf implizite und explizite rassistische Vorurteile in der Bevölkerung aus?

Wir stützen uns auf etablierte sozialpsychologische und kommunikationswissenschaftliche Theorien, die sich mit der Entstehung von Gruppenzuschreibungen und -stigmatisierungen befassen. Ausgangspunkt sind die Social Identity Theory und die Social Categorization Theory, wonach Gruppenzugehörigkeiten für die Wahrnehmung der eigenen Person und anderer Menschen zentral sind. Medial vermittelte Diskurse nehmen bei der Etablierung solcher Gruppenschemata eine wichtige Rolle ein, insbesondere für die Einstellungsbildung gegenüber Outgroups („Mediated Intergroup Contact“).

Um die Gesamtheit dieser Einflüsse analysieren zu können, untersuchen wir im Projekt sowohl negative als auch positive Gruppenzuschreibungen in der medialen Öffentlichkeit. Ferner tragen wir der Erkenntnis Rechnung, dass Medieninhalte sowohl manifeste als auch latente Botschaften beinhalten können. Dies korrespondiert mit dem Befund, dass Menschen sowohl explizite als auch implizite negative und positive Einstellungen gegenüber sozialen Gruppen aufweisen können. Wir erfassen daher sowohl explizite Gruppenbewertungen als auch implizite wertende Zuschreibungen in der medialen Öffentlichkeit in Deutschland. Dies umfasst traditionelle journalistische Leitmedien, Lokalmedien sowie Online-Alternativmedien und relevante politische Social-Media-Accounts. Durch eine kontinuierliche Datenerhebung über den gesamten Projektzeitraum entsteht ein längsschnittliches Bild des Ausmaßes von expliziter und impliziter rassistischer Gruppenstigmatisierung in der deutschen medialen Öffentlichkeit.

In einem zweiten Projektteil untersuchen wir die Auswirkungen expliziter und impliziter Gruppenstigmatisierungen auf explizite und implizite gruppenbezogene Einstellungen. Hierzu bedienen wir uns eines groß angelegten Experimentaldesigns mit Rich-Stimulus-Sampling-Strategie, bei der die unabhängige Variable (Stigmatisierungsgehalt von Medienbotschaften) als stetige Variable modelliert wird.

Aktueller Stand:

In beiden Projektsäulen (Inhaltsanalyse und Wirkungsexperiment) sind alle Daten erhoben und erste Analysen liegen vor. Aktuell entstehen basierend auf diesen Auswertungen zwei Journal-Publikationen, die in Kürze eingereicht werden. Parallel überarbeiten wir zwei Publikationen (Theoriepapier & Validierungsstudie) für die Publikation in Fachzeitschriften. Zum Jahresende 2024 schlossen wir die Datenarchivierung und der Aufbereitung unseres inhaltsanalytischen Modells als Web-App ab, die Medienpraktiker:innen dazu dienen kann, den Stigmatisierungsgehalt ihrer Texte abzulesen.


Publikationen

Buchkapitel

  • Nürnbergk, Christian, Jörg Haßler, Jonas Schützeneder, Nina Schumacher (Eds.) Ludwig, Katharina, Chung-hong Chan, Rainer Freudenthaler, Philipp Müller, Hartmut Wessler (2024): Differenzieller Rassismus in den Nachrichten: Implizite und explizite Stigmatisierungen. 113-130. Baden-Baden, Nomos. More

Zeitschriftenartikel

  • Müller, Philipp, Chung-hong Chan, Katharina Ludwig, Rainer Freudenthaler, Hartmut Wessler (2023): Differential Racism in the News: Using Semi-Supervised Machine Learning to Distinguish Explicit and Implicit Stigmatization of Ethnic and Religious Groups in Journalistic Discourse. Political Communication, 40, 4, 396-414. More

Präsentationen

  • Freudenthaler, Rainer, Philipp Müller, Katharina Ludwig, Chung-hong Chan (2024): Mapping patterns of ethnic group coverage in German news media and social media to detect traces of racial prejudice and political alliance-building. [21st IMISCOE Annual Conference, Lissabon, 01/07/2024 - 04/07/2024]. More
  • Freudenthaler, Rainer, Philipp Müller, Katharina Ludwig, Chung-hong Chan (2024): Muster der Berichterstattung über ethnische Gruppen in deutschen Nachrichtenmedien und sozialen Medien. [DeZIM-Tagung, Mannheim, 08/10/2024 - 10/10/2024]. More
  • Ludwig, Katharina, Nevena Nikolajevic, Philipp Müller (2023): (De-)Polarization in the ”Filter Bubble“? Attitudinal Impact of News Recommender Systems Based on Users’ Political Preferences. [73th Annual Conference of the International Communication Association (ICA), Toronto, 24/05/2023 - 28/05/2023]. More