Gesellschaftliche Konflikte und Dynamiken des Parteienwettbewerbs in der Migrations- und Integrationspolitik

Projektleiter/innen Prof. Dr. Marc Debus, Prof. Dr. Christian Stecker, Prof.Dr. Andreas Blätte, Prof.Dr. Susanne Pickel Mitarbeiter/innen Noam Himmelrath BMFSFJ-gefördert 2020 – 2025

Forschungsfrage/Ziel:

Dieses Projekt untersuchte die politischen Einstellungen und Kandidaturen von Personen mit unterschiedlichem Migrationshintergrund in Deutschland. Nach einer jahrzehntelangen Geschichte der Einwanderung aus verschiedenen Regionen der Welt besteht die deutsche Gesellschaft heute aus Bürger*innen mit vielen unterschiedlichen Hintergründen. Das Verständnis der vielfältigen politischen Einstellungen von Bürger*innen mit Migrationshintergrund und ihrer Chancen zur politischen Teilhabe ist für das Funktionieren einer solchen multikulturellen Gesellschaft von entscheidender Bedeutung und war Anlass für dieses Projekt.

Die erste Studie untersuchte allgemein die politischen Einstellungen verschiedener Bürger*innen mit Migrationshintergrund in Deutschland zu wichtigen politischen Themen, wobei sowohl die Migrationsgeneration als auch die Religionszugehörigkeit berücksichtigt wurden. Anhand von neuen Umfragedaten wurden die Einstellungen zu Sozialleistungen, sozialen Fragen und Migrationspolitik von Personen mit italienischem, russischem und türkischem Migrationshintergrund analysiert. Wir stellten fest, dass es zwischen den verschiedenen Gruppen von Bürger*innen mit Migrationshintergrund und denen ohne Migrationshintergrund wichtige Unterschiede in Bezug auf verschiedene politische Fragen gibt. Diese Unterschiede sind nicht nur auf die Herkunftsregion zurückzuführen, sondern auch auf deren Status als Einwander*innen der ersten oder zweiten Generation sowie auf die Religionszugehörigkeit und Religiosität. Die Studie liefert somit wichtige Erkenntnisse über die Heterogenität der politischen Einstellungen in den verschiedenen Gruppen von Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland.

In der zweiten Studie untersuchten wir die Haltung türkischer und russischer Migrant*innen in Deutschland zu einem konkreten politischen Thema, nämlich den Sanktionen gegen Russland als Reaktion auf die Invasion der Ukraine. Auf der Grundlage von eigenen Umfragedaten stellten wir fest, dass sowohl russische als auch türkische Migrant*innen in Deutschland Sanktionen gegen Russland weniger unterstützen als Deutsche ohne Migrationshintergrund.

In der dritten Studie untersuchten wir, wie stark Personen mit unterschiedlichem Migrationshintergrund die Demokratie in Deutschland unterstützen. Wir unterschieden die Befragten anhand ihres Herkunftslandes und ihrer Selbstidentifikation. Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Unterstützung für Demokratie bei allen Befragten mit Migrationshintergrund und ohne Migrationshintergrund im Allgemeinen hoch ist. Allerdings ist sie bei Personen mit russischem und – in geringerem Maße – türkischem Migrationshintergrund geringer. Dies deutet auf einen Einfluss antidemokratischer Kommunikation aus ihren Herkunftsländern hin. Wichtig ist, dass diese Unterschiede bei Befragten mit einem höheren Bildungsniveau deutlich geringer ausfallen.

Die letzte Studie untersuchte die Chancen von politischen Bewerber*innen mit Migrationshintergrund, im Vorfeld der Bundestagswahl 2021 eine Nominierung für eine Direktkandidatur zu erhalten, auch im Zusammenhang mit deren Geschlecht. Dabei zeigte sich, dass Kandidat*innen mit Migrationshintergrund weniger wahrscheinlich für ein Direktmandat nominiert werden als ihre Konkurrent*innen ohne Migrationshintergrund. Dieser Unterschied ist bei Parteien mit eher konservativen sozialpolitischen Positionen und bei weiblichen Kandidatinnen mit Migrationshintergrund stärker ausgeprägt, was die Relevanz einer intersektionalen Perspektive verdeutlicht. Die Studie zeigt, dass die vielfältigen Einstellungen von Bürger*innen mit Migrationshintergrund in der Politik nur schwer vertreten werden können, da ihre Vertreter*innen zusätzliche Hürden bei der Nominierung für ein Amt nehmen müssen.


Publikationen

Zeitschriftenartikel

  • Debus, Marc, Julius Diener, Noam Himmelrath, Christian Stecker (2025): What do Germans of Russian and Turkish migration background think about sanctions against Russia?. Research & Politics, 12, 1, 1-7. More
  • Debus, Marc, Richard Traunmüller (2025): Former social democratic partisanship, working-class background and support for radical right parties: A research note. Politische Vierteljahresschrift, tba, tba, 1-22. More

Präsentationen

  • Himmelrath, Noam (2022): Why take the floor? A re-examination of migrant legislators’ motivation to participate in parliamentary debates. [4th Annual COMPTEXT Conference, Dublin, 04/05/2022 - 06/05/2022]. More