Die Entwicklung von Politikräumen in Mehrparteiensystemen

Projektleiter/innen Dr. Anna-Sophie Kurella Mitarbeiter/innen Milena Rapp DFG-gefördert 2020 – 2025

Forschungsfrage/Ziel:

Ziel des Forschungsprojekts war es, zu untersuchen, wann neue, politisch relevante Themen in der öffentlichen Debatte aufkommen und Parteien sie für sich nutzen. Die zentrale Fragestellung lautete dabei, unter welchen Voraussetzungen und aus welchen Gründen es politischen Akteuren gelingt, ein neues Thema zu etablieren, das eine zentrale Konfliktlinie im politischen Raum darstellt. Diese Fragestellung ist nicht nur für die Politikwissenschaft von Relevanz, sondern auch für das Verständnis aktueller Entwicklungen, wie etwa das Erstarken rechtsradikaler Parteien in Europa. 
Das Projekt hat diese Zusammenhänge formal und empirisch untersucht. Wir konnten zeigen, unter welchen Bedingungen Parteien von einer steigenden Aufmerksamkeit für ihr „core issue“ profitieren: Wenn eine Partei auf ihrem definierenden issue eine klar erkennbare, aber nicht zu extreme Position hat und zugleich auf der Hauptkonfliktlinie moderat bleibt, kann sie gewinnen. Liegt sie zu nah an einer Konkurrentin oder zu weit entfernt vom Zentrum der Wähler*innenpräferenzen auf der Hauptkonfliktlinie, kann eine stärkere Thematisierung sogar nachteilig sein. Ob es sich lohnt, strategisch ein Thema zu etablieren und zu besetzen (issue entrepreneurship), hängt also auch von der Lage der Wettbewerber*innen im mehrdimensionalen politischen Raum ab. Diese Logik konnte mit europäischen Sekundärdaten empirisch belegt werden.
Ein zweiter wichtiger Beitrag des Projekts ist ein neues Modell des Parteienwettbewerbs, in dem Parteien nicht nur ihre Positionen wählen, sondern zugleich entscheiden, wie stark sie ein Thema betonen. In der bisherigen Forschung wurden Position und Salienz meist getrennt betrachtet. Anhand von Simulationen konnte gezeigt werden, welche Faktoren die politische Differenzierung und die Betonung von sekundären, Nischen-Themen bestimmen. Neben der öffentlichen Meinung spielen dabei auch nicht-politische Valenzvorteile wie Glaubwürdigkeit, politische Erfahrung und Kompetenz eine Rolle. Die Ergebnisse zeigen, dass auch etablierte Parteien mit starker Reputation Anreize darin sehen können, neue Themen zu pushen, zumindest, wenn diese zuvor von der Konkurrenz politisiert wurden. Das erklärt aktuelle Entwicklungen wie die wachsende Bereitschaft moderater Mainstream-Parteien, Migrationsfragen aufzugreifen, die ursprünglich von rechtsradikalen Herausforderern in die Debatte eingebracht wurden.


Publikationen

Präsentationen

  • Kurella, Anna-Sophie, Milena Rapp (2022): New paths in the analysis of issue voting in multidimensional policy spaces: combining voter preferences and party positions from different sources. [ECPR General Conference, Innsbruck, 21/08/2022 - 25/08/2022]. More